Gestaltpädagogik ist ein umfassendes Konzept ganzheitlicher Pädagogik, welches die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der humanistischen Psychologie und Pädagogik (vor allem Gestalttherapie, Psychodrama, 121, Gruppendynamik und systemische Therapie) mit europäischen Traditionen der Reformpädagogik verbindet.
Grundlegende didaktische Prinzipien und Ziele dabei sind:
- Wahrnehmung, Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, Ausdruck und Experimentierfreude werden gefördert (Persönlichkeitsbildung).
- Die einseitige Batrachtungsweise des Menschen wird zugunsten einer integrativen Sichtweise (Einheit von KörperGeist—Seele) überwunden.
- Der Mensch wird in seiner vielfältigen Bezogenheit ernstgenommen und gefördert (Ich—Du—Wir—Soziale Mitwelt—Umwelt).
- Pädagogik findet im Kontext persönlicher und gemeinsamer Geschichte statt (Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft im Hier & Heute).
- Persönlich bedeutsames Lernen vollzieht sich daher in einem gemeinsamen, jeweils einmaligen Erfahrungsprozeß (prozeßorientiertes Lernen).
- Die Lernenden werden ermutigt, sich selbst Ziele zu setzen, sie durch Handlungen zu verwirklichen und Ergebnisse selbst zu beurteilen (projektorientierte Didaktik.
- Die Pädagogische Praxis ist Ausgangs- und Zielpunkt gestaltpädagogischer Fortbildung.
Was hier eher abstrakt klingt und schwer in einen österreichischen Schulalltag hineinzudenken ist, habe ich in der Modellschule als erlebte Wirklichkeit erfahren.
Am Beeindruckendsten war für mich das spürbar herzliche Verhältnis zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Das fängst beim »Konferenzzimmer« an, ausgestattet wie ein gemütlicher Wohnraum mit welchen Sofas, wo Schülerinnen ohne Klopfen und Fragen eintreten, sich holen, was sie brauchen, 8.-Klassler auf der Schreibmaschine die Einladung zu ihrer Maturafeier tippen, … und drückt sich weiters im gegenseitigen DU aus — für Alternativschulen zwar selbstverständlich, nicht aber für größere Schulen mit je 20 Schülerhuren/Klasse.
Mein persönlicher Eindruck nach 2 Tagen Modellschulbesuch und vielen Gesprächen: Bei allen spürte ich die Überzeugung, daß es möglich ist, Kindern und Jugendlichen Achtung, Respekt, Offenheit, Verständnis und Wärme entgegenzubringen, und gleichzeitig — oder: deshalb — Lernen Spaß machen kann! Was für ein Unterschied zum herkömmlichen Schulalltag!
Fakten
Die Modellschule Graz existiert jetzt das 8. Jahr und führt zum ersten Mal eine Maturaklasse. Das bedeutet rechtlich, daß sie ab jetzt — nachdem alle Klassen der angemeldeten Schulform einmal durchlaufen worden sind — automatisch das Öffentlichkeitsrecht besitzen und NICHT mehr jedes Jahr darum ansuchen müssen.
Die 30 LehrerInnen laufen als »lebende Subventionen« herum. Außerdem sind 3 Erzieherinnen angestellt, die in den Hauptgegenständen zusätzlich zur Lehrperson in der Klasse anwesend sind und unterstützen. Die »Schulinterne Fortbildung« wurde jedoch nicht bewilligt und daher nicht finanziert: Mit Schule habe das direkt nichts zu tun …
Jeder Jahrgang hat nur 1 Klasse mit je 20 Schülerinnen, also nicht mehr als 160 insgesamt.
Es wird nach dem österreichischen Lehrplan unterrichtet, allerdings mit faszinierenden Ergänzungen, die die Eigenart der Schule ausmachen:
- Bis zur 6. Klasse erhalten die Schülerinnen keine Ziffernzeugnisse, sondern die Lehrerinnen arbeiten nach der »Lernziel-orientieren Beurteilung« —LOB. Gemeinsam werden—nach Fachbereichen — Lernziele erstellt, die einerseits dem Lehrplan gerecht werden, andererseits auch darüber hinausreichen, Interessensschwerpunkte von Schülerinnen und Lehrerinnen enthalten etc. Diese können sich im Laufe der Jahre verändern.
In Zukunft wird es zentral sein, neben den kognitiven und affektiven Dimensionen auch die psychomotorischen Dimensionen als Erziehungsziele, Bildungsziele und somit auch als Lernziele stärker zu berücksichtigen und zu einer Balance zu »bewegen«, heißt es in der Projektbeschreibung. In Nr. 13 der Modellschulzeitung steht: Die lernzielorientierte Beurteilung als Instrument der humanen Schule soll dem Schüler differenzierte Aussagen über seinen Wissensstand geben. Angstfreies Lernen aus Einsicht steht dabei im Mittelpunkt. … Jedes Lernziel kann In hohem Maße erreicht/Im Wesentlichen erreicht oder Nicht erreicht werden. Alle Schülerinnen haben die Möglichkeit, die Ergebnisse einer Überprüfung der Lernziele auszubessern.
In einem Gespräch mit 2 Schülerinnen der 8. Klasse meinen diese dazu: Man weiß, woran man ist, kennt sich besser aus, weiß, was man kann und was nicht …
In der 7. und 8. Klasse müssen laut Behörden Ziffernnoten vergeben werden.
Ein wichtiger Aspekt dieser »anderen Art der Beurteilung« ist auch die Selbsteinschätzung der Schülerinnen.
- Die Schule hat den musischen Schwerpunkt Bildnerische Erziehung gewählt, und kommt auch so dem Ideal der ganzheitlichen Bildung näher.
- Demokratisches Schulklima:
»Kollektive Leitung und Direktor auf Zeit. In zusätzlichen Sitzungen und Konferenzen und in einer Ferienwoche treffen sich die Lehrer der Modellschule Graz, um gemeinsam über Organisation, Weiterentwicklung und Arbeit an der Schule zu entscheiden. Die Aufgaben eines Direktors sind nach Wollen und Können aller auf die Kollegen aufgeteilt. Der Schulleiter wird derzeit für eine Amtsperiode von 2 Jahren gewählt. Das Wahlgremium ist die Vollversammlung des Vereins Modellschule Graz. Auch die Lehrer werden von einem Gremium, das paritätisch aus Eltern, Schülern und Lehrern zusammengesetzt ist, gewählt. Diese Art der Leitung ermöglicht das Vorleben von Demokratie in der Schule und die Schule kann sich weiterentwickeln und bleibt flexibel.« (Aus: Modellschulzeitung, Nr. 13)
Besonders interessant erscheint mir das KURATORIUM, das aus je 3 gewählten Vertreterinnen von Lehrerinnen, Eltern und Schülerinnen aus der Oberstufe besteht. Laut Auskunft der 2 8.-Klasslefirmen ist dieses Gremium ein tatsächlich demokratisches und funktionierendes Instrumentarium (ganz im Gegenteil zum in der Öffentlichen Schule existierenden ,SGA`): Dort werden Schulregeln erstellt, verändert und verbessert, wird über Aufnahme von neuen LehrerInnen, über Ausschluß von SchülerInnen, … entschieden. Erst wird der Konsens angestrebt, dann aber abgestimmt. So lernen die Schülerinnen der Oberstufe, Verantwortung zu tragen. Die Schülerinnen der Unterstufe sind auch vertreten; nämlich im SCHÜLERRAT (jeweils 2 Vertreterinnen jeder Klasse), dessen Beschlüsse im Kuratorium vertreten werden sollten. Originalton — 8. Klasse: »Natürlich wird die Unterstufe auch gefragt, aber die Oberstufe hat mehr Erfahrung, die Unterstufe ist noch mehr mit der eigenen Entwicklung beschäftigt …«
Ein weiteres Charakteristikum ist das wöchentliche »Palaver« jeder Klasse mit dem jeweiligen Klassenvorstand. Da werden Infos weitergegeben, Probleme diskutiert, wiederum gemeinsame Entscheidungen getroffen etc.
Das Palaver in der 2. Klasse war von einem einstündigen Schreien über die gewünschte neue Sitzordnung durchzogen. Die Klassenlehrerin nahm mit stoischer Ruhe aktiv an der Tischverschiebung und Problemlösung teil, was so lange anhielt, bis am Ende der Stunde tatsächlich alle zufrieden zu sein schienen. Mich selbst — an vieles von der Freien Gesamtschule Hofmühlgasse gewöhnt — irritierte der Lärm, und ich war erstaunt über das produktive Ergebnis! Dahinter lag wohl die Einsicht der Lehrerin, daß sich — wären die Wünsche nach einer neuen Sitzordnung ignoriert worden — die Konflikte in den Unterrichtsstunden fortgesetzt hätten.