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Erscheinungsjahr: 

1991

Ausgabe: 

1991-05

Autor/Autorin: 

Lotte Kreissler
Die »Modellschule« in Graz

Gestaltpädagogik ist ein umfassendes Konzept ganzheitlicher Pädagogik, welches die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der hu­manistischen Psychologie und Pädagogik (vor allem Gestalttherapie, Psychodrama, 121, Gruppendynamik und systemische Therapie) mit europäischen Traditionen der Re­formpädagogik verbindet.

Grundlegende didaktische Prinzipien und Ziele dabei sind:

  • Wahrnehmung, Kontakt- und Bezie­hungsfähigkeit, Ausdruck und Experi­mentierfreude werden gefördert (Persön­lichkeitsbildung).
  • Die einseitige Batrachtungsweise des Menschen wird zugunsten einer integrati­ven Sichtweise (Einheit von Körper­Geist—Seele) überwunden.
  • Der Mensch wird in seiner vielfältigen Bezogenheit ernstgenommen und geför­dert (Ich—Du—Wir—Soziale Mitwelt—Um­welt).
  • Pädagogik findet im Kontext persönlicher und gemeinsamer Geschichte statt (Ver­schränkung von Vergangenheit und Zu­kunft im Hier & Heute).
  • Persönlich bedeutsames Lernen vollzieht sich daher in einem gemeinsamen, jeweils einmaligen Erfahrungsprozeß (prozeß­orientiertes Lernen).
  • Die Lernenden werden ermutigt, sich selbst Ziele zu setzen, sie durch Handlun­gen zu verwirklichen und Ergebnisse selbst zu beurteilen (projektorientierte Di­daktik.
  • Die Pädagogische Praxis ist Ausgangs- und Zielpunkt gestaltpädagogischer Fortbildung.

Was hier eher abstrakt klingt und schwer in einen österreichischen Schulalltag hinein­zudenken ist, habe ich in der Modellschule als erlebte Wirklichkeit erfahren.

Am Beeindruckendsten war für mich das spürbar herzliche Verhältnis zwischen Er­wachsenen und Jugendlichen. Das fängst beim »Konferenzzimmer« an, ausgestattet wie ein gemütlicher Wohnraum mit wel­chen Sofas, wo Schülerinnen ohne Klopfen und Fragen eintreten, sich holen, was sie brauchen, 8.-Klassler auf der Schreibma­schine die Einladung zu ihrer Maturafeier tippen, … und drückt sich weiters im ge­genseitigen DU aus — für Alternativschulen zwar selbstverständlich, nicht aber für grö­ßere Schulen mit je 20 Schülerhuren/Klas­se.

Mein persönlicher Eindruck nach 2 Tagen Modellschulbesuch und vielen Gesprächen: Bei allen spürte ich die Überzeugung, daß es möglich ist, Kindern und Jugendlichen Achtung, Respekt, Offenheit, Verständnis und Wärme entgegenzubringen, und gleich­zeitig — oder: deshalb — Lernen Spaß ma­chen kann! Was für ein Unterschied zum herkömmlichen Schulalltag!

Fakten

Die Modellschule Graz existiert jetzt das 8. Jahr und führt zum ersten Mal eine Ma­turaklasse. Das bedeutet rechtlich, daß sie ab jetzt — nachdem alle Klassen der ange­meldeten Schulform einmal durchlaufen worden sind — automatisch das Öffentlich­keitsrecht besitzen und NICHT mehr jedes Jahr darum ansuchen müssen.

Die 30 LehrerInnen laufen als »lebende Subventionen« herum. Außerdem sind 3 Erzieherinnen angestellt, die in den Haupt­gegenständen zusätzlich zur Lehrperson in der Klasse anwesend sind und unterstützen. Die »Schulinterne Fortbildung« wurde je­doch nicht bewilligt und daher nicht finan­ziert: Mit Schule habe das direkt nichts zu tun …

Jeder Jahrgang hat nur 1 Klasse mit je 20 Schülerinnen, also nicht mehr als 160 ins­gesamt.

Es wird nach dem österreichischen Lehr­plan unterrichtet, allerdings mit faszinieren­den Ergänzungen, die die Eigenart der Schule ausmachen:

  • Bis zur 6. Klasse erhalten die Schülerin­nen keine Ziffernzeugnisse, sondern die Lehrerinnen arbeiten nach der »Lernziel-orientieren Beurteilung« —LOB. Gemein­sam werden—nach Fachbereichen — Lern­ziele erstellt, die einerseits dem Lehrplan gerecht werden, andererseits auch darüber hinausreichen, Interessensschwerpunkte von Schülerinnen und Lehrerinnen ent­halten etc. Diese können sich im Laufe der Jahre verändern.

In Zukunft wird es zentral sein, neben den kognitiven und affektiven Dimensionen auch die psychomotorischen Dimensionen als Erziehungsziele, Bildungsziele und so­mit auch als Lernziele stärker zu berück­sichtigen und zu einer Balance zu »bewe­gen«, heißt es in der Projektbeschreibung. In Nr. 13 der Modellschulzeitung steht: Die lernzielorientierte Beurteilung als In­strument der humanen Schule soll dem Schüler differenzierte Aussagen über seinen Wissensstand geben. Angstfreies Lernen aus Einsicht steht dabei im Mittelpunkt. … Jedes Lernziel kann In hohem Maße er­reicht/Im Wesentlichen erreicht oder Nicht erreicht werden. Alle Schülerinnen haben die Möglichkeit, die Ergebnisse einer Über­prüfung der Lernziele auszubessern.

In einem Gespräch mit 2 Schülerinnen der 8. Klasse meinen diese dazu: Man weiß, woran man ist, kennt sich besser aus, weiß, was man kann und was nicht …

In der 7. und 8. Klasse müssen laut Behör­den Ziffernnoten vergeben werden.

Ein wichtiger Aspekt dieser »anderen Art der Beurteilung« ist auch die Selbstein­schätzung der Schülerinnen.

  • Die Schule hat den musischen Schwer­punkt Bildnerische Erziehung gewählt, und kommt auch so dem Ideal der ganz­heitlichen Bildung näher.
  • Demokratisches Schulklima:

»Kollektive Leitung und Direktor auf Zeit. In zusätzlichen Sitzungen und Konferenzen und in einer Ferienwoche treffen sich die Lehrer der Modellschule Graz, um gemeinsam über Organisation, Weiterentwicklung und Arbeit an der Schule zu entscheiden. Die Aufgaben eines Direktors sind nach Wollen und Können aller auf die Kollegen aufgeteilt. Der Schulleiter wird derzeit für eine Amtsperiode von 2 Jahren gewählt. Das Wahlgremium ist die Vollversammlung des Vereins Modellschule Graz. Auch die Lehrer werden von einem Gremium, das paritätisch aus Eltern, Schülern und Lehrern zusammengesetzt ist, gewählt. Diese Art der Leitung ermöglicht das Vorleben von Demokratie in der Schule und die Schule kann sich weiterentwickeln und bleibt flexibel.« (Aus: Modellschulzeitung, Nr. 13)

Besonders interessant erscheint mir das KURATORIUM, das aus je 3 gewählten Vertreterinnen von Lehrerinnen, Eltern und Schülerinnen aus der Oberstufe besteht. Laut Auskunft der 2 8.-Klasslefirmen ist dieses Gremium ein tatsächlich demokrati­sches und funktionierendes Instrumentari­um (ganz im Gegenteil zum in der Öffentli­chen Schule existierenden ,SGA`): Dort werden Schulregeln erstellt, verändert und verbessert, wird über Aufnahme von neuen LehrerInnen, über Ausschluß von Schüle­rInnen, … entschieden. Erst wird der Konsens angestrebt, dann aber abgestimmt. So lernen die Schülerinnen der Oberstufe, Verantwortung zu tragen. Die Schülerinnen der Unterstufe sind auch vertreten; nämlich im SCHÜLERRAT (jeweils 2 Vertreterin­nen jeder Klasse), dessen Beschlüsse im Kuratorium vertreten werden sollten. Origi­nalton — 8. Klasse: »Natürlich wird die Un­terstufe auch gefragt, aber die Oberstufe hat mehr Erfahrung, die Unterstufe ist noch mehr mit der eigenen Entwicklung beschäf­tigt …«

Ein weiteres Charakteristikum ist das wö­chentliche »Palaver« jeder Klasse mit dem jeweiligen Klassenvorstand. Da wer­den Infos weitergegeben, Probleme dis­kutiert, wiederum gemeinsame Entschei­dungen getroffen etc.

Das Palaver in der 2. Klasse war von einem einstündigen Schreien über die gewünschte neue Sitzordnung durchzogen. Die Klassen­lehrerin nahm mit stoischer Ruhe aktiv an der Tischverschiebung und Problemlösung teil, was so lange anhielt, bis am Ende der Stunde tatsächlich alle zufrieden zu sein schienen. Mich selbst — an vieles von der Freien Gesamtschule Hofmühlgasse ge­wöhnt — irritierte der Lärm, und ich war er­staunt über das produktive Ergebnis! Da­hinter lag wohl die Einsicht der Lehrerin, daß sich — wären die Wünsche nach einer neuen Sitzordnung ignoriert worden — die Konflikte in den Unterrichtsstunden fortge­setzt hätten.

HIER KOMMT EIN FAKSIMILE DER SEITEN 13 und 14